Sonntag, 3. Dezember 2017

Rezension: Der Report der Magd - Margaret Atwood

© Piper
Der Report der Magd
| Margaret Atwood |

Verlag: Piper Verlag 2017
Seiten: 416 
ISBN: 9783492311168

MEINE BEWERTUNG 

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Eine große Dystopie

Dienerin Desfred ist in einem totalitären Staat gefangen. Menschen - vor allem Frauen - sind ihrer Persönlichkeit beraubt und siechen im Leben in Staatsgewalt dahin. Doch es gibt eines, was der Magd Desfred niemand nehmen kann: ihre Hoffnung.

In „Der Report der Magd“ geht Margaret Atwood nicht nur eine beängstigende Zukunftsvision sondern ernste, ergreifende Themen an. Es geht um Feminismus, um die Freiheit, eine Persönlichkeit zu werden, und um das Recht darauf, ein eigenständiger Mensch zu sein.

Desfred ist eine Magd und wird einem neuen Haushalt zugeteilt. Sie berichtet von ihrem Leben, ihren Tagen, ihren Aufgaben und Pflichten sowie ihrer Stellung im Haus und in der Gesellschaft. Nach und nach tritt die Enge, die Würdelosigkeit und die Bedrohung des Systems hervor.


Wichtig ist, dass man sich hier keinen historischen Bericht erwartet, sondern von Vornherein auf eine Dystopie eingestellt ist. Der Begriff ‚Magd‘ lässt vielleicht an vergangene Zeiten denken, wird aber in seinem Grundsinn für Frauen wie Desfred in dieser Gesellschaft verwendet. 


Desfred ist an und für sich eine Kämpfernatur, auch wenn sich kaum Gelegenheit dazu ergibt. Sie zählt zur ersten Generation von Mägden, die einst in einer freien Gesellschaft gearbeitet, geliebt und gelebt haben. Damit ist es vorbei und die Menschen müssen die totalitäre Freiheit im neuen Staatsgefüge über sich ergehen lassen.


Dabei zeigt Atwood, wie aus guter Absicht ein um sich greifender Schatten entstehen kann. Denn Desfred blickt auf ihr Leben davor zurück, als Frauen einst gegen die Stellung als (Lust-) Objekt gehadert haben. Nun hat sich die Gesellschaft selbst vom Regen in die Traufe manövriert. 


Als Leserin ist es mir richtig schlecht gegangen als ich von Desfreds Alltag erfahren haben. Es geschieht Unsagbares, Unvorstellbares, was ich mir in meiner jetzigen Situation nicht einmal vorstellen kann. Dabei spielt Atwood geschickt mit Ambivalenz, indem sie Desfred ihrer Weiblichkeit beraubt und sie gleichzeitig genau auf diese reduziert.


Eingangs ist mir die Orientierung sehr schwer gefallen, weil man ohne jede Erklärung mit Desfred in den neuen Haushalt versetzt wird. Durch kurze Blicke in die Vergangenheit, durch ihre Erinnerung und den laufenden Ereignissen, reimt man sich nach und nach zusammen, was denn überhaupt geschehen ist. Auf diese Weise erfährt man, wie dieser Staat und sein gesellschaftliches Gefüge funktionieren können.


Margaret Atwoods Schreibstil übertrifft sich selbst an erzählerischer Eleganz. Die Sprache ist blumig, dicht, mutet literarisch an und schlägt unvermutet in einer Rohheit zu, dass man sie wie einen Schlag ins Gesicht spüren kann.


Meiner Meinung nach reiht sich Atwood mit „Der Report der Magd“ bei den großen Dystopien unserer Gesellschaft ein. Sie stachelt an, verdreht, ängstigt, fesselt und regt zum Nachdenken an.

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MEINE BEWERTUNG

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Der Report der Magd - Margaret Atwood

Ich bedanke mich beim Verlag für das Rezensionsexemplar.


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Kommentare:

  1. Oh man Nicole, unsere Bloggerfreundschaft hat so viel Gutes und ich bin wirklich dankbar dafür. Aber wenn es daran geht, dass du ein Buch gelesen hast, das ich nicht auf dem Schirm hatte, du es mir aber so ansprechend unter die Nase reibst und ich vor Neugier platze...ja dann hocke ich grummelnd hier, weil ich weiß, dass ich nicht drumherum komme.^^
    Komm mir gut in die neue Woche.
    Liebste Grüße, Hibi

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    1. Hallo Hibi,

      ja, ja, die gleichen Interessen von uns Buchbloggern sind Segen und Fluch zugleich. Ein Segen, weil wir uns über unser liebstes Hobby mit sehr lieben Menschen austauschen können, ein Fluch, weil wir laufend unsere Wunschlisten füllen.

      Zu "Der Report der Magd" ist nächstes Jahr eine Leserunde geplant. Ich sage kurz auf Facebook Bescheid, damit sie dich anschreiben.

      Dir auch einen guten Wochenstart!

      Liebe Grüße,
      Nicole

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  2. Hey :)

    Ich habe das Buch auch erst dieses Jahr im Sommer gelesen. Und auch wenn ich ein paar Mal das Gefühl hatte, dass es Längen hat, hat es sich trotzdem in meine Erinnerung eingebrannt. Einzelne Szenen, Erinnerungen - das ist meiner Meinung nach die ganz große Stärke des Buchs, nicht unbedingt die erzählte Geschichte. Bin daher trotzdem froh, dass ich es gelesen habe ...

    Liebe Grüße
    Ascari

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    1. Hallo Ascari,

      ich finde, dass Margaret Atwood sehr aufwühlend schreibt und dabei nie an Eleganz verliert. Hier hat mich erschrocken, wie rasch der Spieß umgedreht wurde. Der Feminismus wurde so weit wie ein Gummiringerl gespannt, dass er zurück geschnalzt ist. Eine grausliche Vorstellung und meiner Meinung auch sehr nah an einer möglichen Realität.

      Ich bin auch froh, dass ich es gelesen habe.

      Liebe Grüße,
      Nicole

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  3. Hi Nicole!

    Das Buch hab ich vor Ewigkeiten gelesen, ich weiß gar nicht mehr wann und ich glaube es war in einem Alter, wo ich das ganze noch gar nicht so richtig bewusst wahrnehmen konnte. Mir hatte es zwar gefallen, aber so ganz verinnerlichen konnte ich es glaub ich nicht. Ich wollte das schon länger mal rereaden um zu sehen, wie es jetzt als "Erwachsene" auf mich wirkt, ich denke, das sollte ich bald mal angehen :)
    Vielen Dank für die tolle Rezi!

    Liebste Grüße, Aleshanee

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    1. Hallo Aleshanee,

      stimmt, als Jugendliche hätte ich vieles davon auch nicht begriffen. Wobei ich mir jetzt natürlich auch nicht sicher sein kann, dass ich alles durchschaut habe. Lesenswert ist es auf allemal und strömt eine bedrückend-realistische Bedrohung aus.

      Liebe Grüße,
      Nicole

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  4. Huhu!

    Für mich ist "Der Report der Magd" eine wirklich zeitlose Dystopie. Mit am erschreckendsten fand ich, wie schnell der Wandel der Gesellschaft anscheinend vonstatten ging – dass das offensichtlich innerhalb von weniger als einer Generation passierte, da Desfred erst vor wenigen Jahren noch eine ganz andere Welt erlebt hat. Und dennoch ist es nicht unglaubwürdig...

    LG,
    Mikka

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    1. Hallo Mikka,

      genau! Das ist mir auch unter die Haut gegangen und diesen Teil kann ich mir gar nicht so richtig vorstellen. Dass sich innerhalb weniger Jahre die ganze Gesellschaft so ändern kann - aber undenkbar ist es bestimmt nicht.

      Liebe Grüße,
      Nicole

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