Sonntag, 16. April 2017

Rezension: Herr der Fliegen - William Golding

© Fischer Verlag
Herr der Fliegen
| William Golding |

Verlag: Fischer Verlag 2012
Seiten: 336 
ISBN: 9783596512270

MEINE BEWERTUNG 

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Ein Must-Read unter den Klassikern

Eine Gruppe Schuljungen kommt infolge eines Flugzeugunglücks allein auf einer Insel an. Mitten im Ozean sind die Kinder auf sich allein gestellt. Es gibt keine Erwachsenen die zur Ordnung rufen und während sie sich anfangs noch an die Regeln der Zivilisation erinnern, schreitet rasch der Zerfall voran.

Die Kinder - allesamt Jungen aus England - sind allein auf der Insel gestrandet. Weit und breit ist kein Erwachsener, der die Zügel lenkt, und so wird schnell ein Anführer gewählt, der das Sagen hat. Doch je länger die Kinder sich selbst überlassen sind, umso schneller vergessen sie, was sie eigentlich auf der Insel hält.

„Herr der Fliegen“ ist ein Klassiker, den wohl jeder gelesen habe sollte. William Golding prangt den Verfall der Gesellschaft an. Er zeigt, wie zerbrechlich unser zivilisierter Umgang miteinander ist, und wie rasant die Degeneration des Menschlichen im Menschen folgt, wenn der Rahmen nicht mehr stimmt.

Die Handlung an sich mochte ich sehr gern. Es war spannend zu lesen, wie sich die Kinder verhalten, wie sie sich in Gruppen aufspalten und gegen ihre Ängste angehen. Dabei ist es interessant zu beobachten, wie leicht sie von ihren eigentlichen Zielen abzubringen sind. Obwohl sich die Jungen bemühen, mittels Signalfeuer auf sich aufmerksam zu machen, Regeln zur Hygiene aufstellen und versuchen durch die Schweinejagd an Fleisch zu kommen, hält dieser gute Wille nicht lange an und ein teuflisches Spiel beginnt.

Die Beobachtung wird bei „Herr der Fliegen“ ganz groß geschrieben, denn als Leser nimmt man eine sehr objektive Perspektive ein. Golding lässt einen nicht besonders nah an die Figuren ran, sondern man muss sich mit vagen Vermutungen begnügen. Während der Autor die Insel in schillernden Farben schildert, werden die Charaktere lediglich skizziert, was mir nicht gefallen hat.

Die Protagonisten Ralph, Jack und Piggy sind meiner Meinung nach austauschbar, weil man sie rein von ihren Gedanken und Handlungen auf der Insel her kennt. Ralph ist der Anführertyp, der nach bestem Wissen im Sinne aller handelt. Jack wird der schwarze Peter zugeschoben, indem er als Widersacher mit diabolischen Zügen auftritt. Hingegen ist Piggy der Denker mit der Brille auf der Nase, der nicht ganz ernst genommen wird.

Die anderen Jungs verlieren sich wie Schatten im Hintergrund. Namentlich werden zwar noch Simon und ein Zwillingspaar genannt, aber auch diese Charaktere erfüllen ausschließlich ihren Zweck, ohne weitere Erklärungen zu liefern.

Diese schemenhafte Darstellung hat mich besonders gestört, weil ich gern eine Verbindung mit den Figuren eingehe. Ich will sie kennenlernen, dabei von ihrer Vergangenheit, ihren Hoffnungen und Beweggründen erfahren, und nicht mit Austauschbarkeit abgespeist werden.

Allerdings funktioniert die Geschichte auch ohne tiefe Protagonisten gut, weil sie im psychologischen und soziologischen Sinn schockierenden Einblick ins menschliche Zusammenleben gibt, der dieses Buch eben zu diesem lesenswerten Klassiker macht.

Gleichzeitig konnte ich mich mit Goldings Erzählstil nicht anfreunden, die aufgrund der skizzierten Figuren zu einem wirren Aufbau führt. Einmal zoomt man nah, klar und deutlich an das Geschehen ran, dann wird mit hochgestochenen Parabeln gearbeitet, was ich nicht immer als gelungen empfand.

Alles in allem ist „Herr der Fliegen“ trotz meiner Kritikpunkte ein Must-Read unter den Klassikern. Die schockierenden Elemente, die Wahrheit hinter den Ereignissen und manch bestürzende Szenen geben den Blick auf das menschliche Wesen frei und regen enorm zum Nachdenken an.
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MEINE BEWERTUNG

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Kommentare:

  1. Hi Nicole,

    tolle Rezension. Ich hatte das Buch vor vielleicht 15 Jahren mal gelesen. An den Inhalt kann ich mich eigentlich fast nicht mehr erinnern. Ich weiß nur noch, dass ich es damals noch als Jugendliche sehr langatmig fand. Aber heute denke ich könnten mich die psychologisch / soziologischen Aspekte der Geschichte mehr faszinieren. Ich werde das Buch wie auch einige andere Klassiker auf jeden Fall auch in nächster Zeit nochmal rereaden.

    Viele Grüße, Julia

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    1. Hallo Julia,

      zäh fand ich es gar nicht, mich haben nur der etwas wirre Stil und die schemenhaften Figuren gestört. Es war dadurch nicht ganz greifbar. Lesenswert ist das Buch allemal und ich bin gespannt, was du dazu sagen wirst.

      Liebe Grüße,
      Nicole

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  2. Mir erging es ähnlich. Die Geschichte ist fesselnd, leider gibt es aber keine Hintergründe zu den Protagonisten. Das habe ich etwas vermisst. Mit seinem Stil konnte ich oftmals nichts anfangen und hatte das Gefühl, es läge an der Übersetzung. :)

    Liebe Grüße,

    http://lesenundgrossetaten.blogspot.de/

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    1. Guten Morgen!

      Nein, ich denke nicht, dass es an der Übersetzung liegt. Wir haben das Buch in einer Leserunde gemeinsam gelesen und ähnlich empfunden, obwohl wir unterschiedliche Versionen gelesen haben.

      Liebe Grüße,
      Nicole

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  3. Hi Nicole
    ich stimme dir zu, der Schreibstil war auch nicht unbedingt meins, aber er war "aushaltbar" ;)
    Die Leserunde war aber wieder echt lustig und ich bin froh, das ich das Buch mit euch zusammen entdecken durfte!
    Ich verlinke deine Rezi mal in meiner! :D

    Liebe Grüße und frohe Ostern!

    Jessi

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    1. Hallo Jessi,

      da sind wir uns mal wieder einig. Ich muss mir jetzt gleich mal deine Rezension ansehen, während der Feiertage bin ich kaum zu was gekommen. :D

      Liebe Grüße & einen guten Start in die Woche,
      Nicole

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